• Joshua Devadas

Wie gewinnt man eigentlich eine Startup Challenge?

Im April kehre ich aus Berlin zurück ins Heimatland. Die Lockdown-Massnahmen sind in vollem Gange, Flüge werden gestrichen, Züge fahren unregelmässig und niemand ist sich so ganz sicher, was jetzt passiert. Ich hatte gerade ein Praktikum bei einem Startup verfrüht beendet, das sich auf die Vermittlung von Arbeitskräften nach Australien und Neuseeland spezialisiert hatte - keine rosige Zeiten für dieses Unternehmen.


Zurück in der Schweiz verbrachte ich die längste Zeit damit, Online-Vorlesungen zu besuchen, mich auf die Prüfungen vorzubereiten und insbesondere die Sekunden bis zur nächsten Minute zu zählen. Es kam mir somit gelegen, dass der ZHAW Startup Challenge 2020 dieses Jahr noch Teams und Geschäftsideen annahm, auch wenn der ganze Wettbewerb und die ganze Kommunikation online stattfinden würden.


Mit keinem spezifischen Ziel habe ich mich dementsprechend angemeldet. Fast 20 Teams oder Einzelpersonen, meist Studenten der ZHAW, hatten bereits eine Geschäftsidee lanciert und suchten nun Teamkollegen für diesen Wettbewerb.


Was ist denn eigentlich eine Startup Challenge?

Ziel der ZHAW Startup Challenge war relativ einfach: Innerhalb von 8 Wochen soll eine Geschäftsidee ausgearbeitet und ein Investorenpitch präsentiert werden. Schlagwörter dazu sind etwa “Unique Selling Point”, “Product-Market-Fit” und “Revenue Models”. Jede Woche würde das Team wieder zusammenkommen und einen Aspekt ihrer Geschäftsidee auf Herz und Nieren prüfen. Nach diesen 8 Wochen sollte dann ein sogenannter Pitch stehen: Eine 10-minütige Präsentation, die darauf abzielt, einen Investor zu überzeugen.



MyZivi - Management für Betriebe mit Zivildienstleister


Die verschiedensten Geschäftsideen wurden anfangs präsentiert: Eine Plattform, die Bewerber und offene Stellen zusammenbringt, eine Plattform, die Foodsharing erlaubt, ein angenehmer Kletterschuh etc. Unter den verschiedenen Gruppen verbarg sich auch ein zweier Team, das sich in einigen Sätzen beschrieb: Meine zwei zukünftigen Cofounder hatten vor einigen Monaten ihren Zivildienst beendet. Dabei arbeiteten sie an einer Software, die die gesamte Administration von Zivis vereinfachte. Eine durchaus langweilige Idee. Weder AI, Algorithmen oder “Disrupting the Market” waren Schlüsselphrasen ihrer Beschreibung.


MyZivi, wie wir schon bald unser Baby nannten, hilft Betrieben, meist Spitälern, Altersheimen und Schulen, Zivildienstleister zu finden, einzustellen, zu administrieren und natürlich beim Bund die korrekten Meldungen vorzunehmen.


Nach einem kurzen Kennenlerngespräch trat ich dem Team bei und unsere Arbeit begann. Lukas und Philipp, beides Software Engineering Studenten an der ZHAW, klärten mich als ehemaligen Militär über die Prozesse, Meldesysteme und Regulationen rund um den Zivildienst auf, während ich verschiedene Inputs zu Businessmodell und Verkaufsmethodik weitergab.



Und wie gewinnt man jetzt?

Die Startup-Szene ist eine skurrile Welt. Ständig wird von technologischer Revolution, “Market Disruption” und weiteren Blockchain-Artificial-Intelligence-Algorithm-Technology-Begriffen gesprochen. Wir haben uns bewusst von solcher anglizistischer Bemäntelungen und auf Blendung ausgerichteter Prätention ferngehalten und uns auf das einzig wichtige konzentriert: Kunden!


Bereits nach dem zweiten Gespräch ist der wichtigste Punkt auf unserer To-Do-Liste gelandet: Mit Kunden sprechen.

Als die Verkaufssau im Team habe ich mich alsbald losgemacht, um mit möglichst vielen Betrieben Interviews aufzusetzen. Unser Ziel war es, unsere Kunden besser zu verstehen und ihnen eine Lösung anzubieten. Eine Software, die reale Probleme löst, ist eine Software, die auch in Realität gekauft wird. Dabei fragten wir Dinge wie “Wie sehen ihre momentanen Prozesse mit Zivis aus?”, “Wieso stellen sie nicht mehr Zivis ein?”, “Warum können sie ihre offenen Zivildiensstellen nicht besetzen?” etc.


Nach dieser aufwendigen Recherchephase haben wir dann unser Produkt klarer definiert und an dessen Finalisierung im Investorenpitch gearbeitet.


Die gesamte Challenge fand online statt. Runde um Runde konnten wir uns durchsetzen und schlussendlich selbst Teams mit an-Füsse-angepassten-Kletterschuhen und Online-Kleiderbörsen hinter uns lassen (diese beiden holten sich sich den zweiten und dritten Platz). Folgende Punkte haben die Jury dabei überzeugt und uns zum Sieg geführt:


  • Wir haben wohl als einziges Team Gespräche mit über 10 potentiellen Kunden geführt und so früh wie möglich den Markt abgeklopft.

  • Unsere Software basiert auf einem Open Source Produkt, das bereits existiert. Ergo brauchen wir viel weniger Zeit, um unsere erste Lizenz zu verkaufen.

  • KISS - keep it simple and short. Unsere Idee ist einfach und löst ein Problem



Und jetzt?

In einem “normalen” Jahr, wäre unser Preis eine Reise nach Amerika und eine weitere Teilnahme an einer internationalen Startup Challenge gewesen. Aufgrund von Corona konnte dies leider nicht geschehen. Stattdessen werden wir ab Mitte September ein Jahr lang eine Mitgliedschaft beim “Runway Incubator” haben. Dies beinhaltet eine Büroräumlichkeit und ein Coaching für ein ganzes Jahr. Zeitgleich wird die Beta-Version unserer Software bereit sein, wobei ich dann endlich meiner Lieblingstätigkeit, dem Verkauf, nachgehen kann.



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